22. Januar 2022

„Milliardenspiel Amateurfußball“: Die große Bezahl(un)kultur

Hartplatzhelden-Kolumne #43: Eine alarmierende Studie ergibt: In der Bezirksliga verdient jeder zweite Kicker Geld, selbst in der Kreisklasse kassiert mancher Altstar ordentlich ab. Es wird Zeit das zu ändern. Von TIM FROHWEIN +++ ARD-Doku „Milliardenspiel Amateurfußball“ im Artikel

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 43. Ausgabe wirft Soziologe und Amateurkicker Tim Frohwein anlässlich der brandaktuellen Correctiv-Studie einen Blick auf die Rolle von Geld im Amateurfußball!

„Das war doch schon immer so!“, heißt es oft, wenn das Thema Geld im Amateurfußball zur Sprache kommt. Ein Satz, mit dem man gerne kritische Auseinandersetzung im Keim ersticken will. Das ist schade – und gefährlich, denn: Aus dem Sein folgt schließlich kein Sollen. Vielleicht erscheint der Ist-Zustand der Bezahlkultur im Amateurfußball veränderungswerter, wenn man ihr Ausmaß besser versteht. Mit den Ergebnissen der Correctiv-Studie „Wie viel verdienen Amateurfußballer?“, die ich wissenschaftlich begleiten durfte, ist das jetzt möglich. Mehr als 8.000 aktive, männliche Amateurkicker aus ganz Deutschland haben zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 bei der anonymen Umfrage mitgemacht. Einige Zahlen aus der Studie wurden bereits in der ARD-Doku „Milliardenspiel Amateurfußball“ publik gemacht.

Hier nochmal ein Überblick über die aus meiner Sicht wichtigsten Befunde der Studie:

Angaben zur Höhe des monatlichen Verdiensts im Oktober 2020 machten 2.790 Umfrageteilnehmer. In diesem Monat wurde an die bezahlten Spieler ein Gesamtbetrag von 1.160.657 Euro ausgeschüttet, also etwa 416 Euro pro Spieler. Auf eine Saison mit zehn Verdienstmonaten gerechnet kommt man in ganz Deutschland auf mehr als eine Milliarde Euro, die an Amateurfußballer fließen.

Mit dem Leistungsniveau steigt nicht nur der Anteil an bezahlten Spielern, sondern auch der Durchschnittsverdienst:

Ja, es stimmt, die Ergebnisse einer Online-Befragung sind selten repräsentativ. Und manch ein Teilnehmer wird beim Ausfüllen des Fragebogens auch falsche Angaben gemacht haben. Aber dass wahnsinnig viel Geld im Amateurfußball unterwegs ist, ist nach diesen Befunden eindeutig. Gerade in den unteren Ligen, in denen der Spaß an der Bewegung, die Geselligkeit und das Miteinander an erster Stelle stehen sollten, braucht es aber keine Kicker, die sich nach Stationen im höherklassigen Amateurfußball ihren Karriereabend in der Kreisklasse gut bezahlen lassen – nur weil ein Mäzen denkt, dass seine Mannschaft statt in der 10. Liga in der 8. Liga spielen sollte.

Steckt das Geld lieber in die Digitalisierung, die sportliche Infrastruktur und den Jugendbereich eures Vereins! Stellt hauptamtliche Mitarbeiter ein! Es gibt in Deutschland schon zahlreiche Vereine, die diesen Weg gehen und sich vom System Bezahlkultur (das man eher als Bezahlunkultur bezeichnen sollte) verabschiedet haben. Sie sollten sich vernetzen, auf diese Weise sichtbarer werden und anderen Vereinen demonstrieren, dass Amateurfußball auch funktioniert, wenn man es anders macht, als es angeblich schon immer war.

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